Kapitel 2
Heimkehr

Da waren Mama und ich nun, ohne es zu wissen, in der britischen Besatzungszone. Das tausendjährige Reich der Nazis hat es nur auf zwölf Jahre gebracht, ein paar Monaten mehr als ich bis dahin gelebt hatte. In dem Dörfchen Braake gab es noch immer keinen Strom, keine Zeitungen, wir waren von jeglicher Information abgeschnitten.Sie nahm natürlich an, dass Berlin von den Russen erobert worden war. Anzunehmen war auch, dass noch in der Stadt gekämpft wurde. Sie fragte sich, ob Papa diese Kämpfe überlebt hat, ob unsere Wohnung noch steht, wie es unseren anderen Verwandten geht, die ja mehrheitlich in und um Berlin geblieben waren. Sie fragte mich, ob wir uns auf den Weg nach Hause machen wollen. Darauf wusste ich keine Antwort.

Mama machte sich viele Gedanken. Sie fragte sich, ob Papa diese Kämpfe überlebt hat, ob unsere Wohnung noch steht, wie es unseren anderen Verwandten geht, die ja mehrheitlich in und um Berlin geblieben waren. Sie fragte mich, ob wir uns auf den Weg nach Hause machen wollen. Darauf wusste ich keine Antwort. Eines Tages packte sie ihr Köfferchen. Vom letzten Kinderwagen unserer Wirtsleute bekam sie den Untersatz mit den Rädern, damit brauchten wir Koffer und Tasche nicht zu tragen. In der Tasche war Essen für ein paar Tage. Wir zogen zu Fuß los zum Bahnhof nach Delmenhorst. Dort erfuhren wir, dass Personenzüge noch nicht fahren. Wir kletterten auf Güterwagen und kamen ohne zu laufen nach Bremen. Dort hofften wir auf einen Zug, ganz egal, was für einen, der Richtung Osten fährt. Einen Güterzug der Alliierten durften wir nicht besteigen. "Ist doch egal", sagte ich, " dann schleichen wir uns eben heimlich rauf".

"Das ist zu gefährlich", bekam ich zur Antwort, "die meisten Wagen haben Bezinkanister geladen. Wenn dann jemand raucht, kann alles in die Luft fliegen." Für uns bedeutete das, noch einen Tag länger zu warten. Auf dem Bahnhof gab es eine Einrichtung, wo meine Mutter etwas Essen organisieren konnte. Sie hatten dort auch einen Raum, wo wir die Nacht über bleiben konnten. Wir waren nicht die einzigen unterwegs. Es war ein Sprachwirrwarr und wie eine Völkerwanderung. Die meisten Menschen wollten wie wir nach Osten. Gerüchte machten die Runde. Eines verkündete, dass in drei Tagen ein Zug nach Helmstedt fahren soll. Helmstedt war die östlichste Stadt der britischen Zone.

"Wollen wir auf den Zug warten?" fragte mich meine Mutter. "Wenn wir mit dem fahren können, haben wir den halben Weg nach Hause hinter uns." "Dann warten wir. Hier haben wir Essen und können auch schlafen." Jener Zug kam wirklich. Bei schönem Wetter fuhren wir in einem offenen Güterwagen wirklich bis Helmstedt. Dort nahm ein ehemaliges Kloster Flüchtlinge auf. Einen richtigen Schlafplatz hatten wir dort. Das war zum Ausruhen nach dem abenteuerlichen Weg besonders für meine Mutter wichtig. In dem Kloster erfuhren wir, dass in Abständen Trecks zusammengestellt werden mit Leuten, die in die russische Zone wollen. Nach einer Woche Ausruhen schlossen wir uns solchem Treck an. Zu Fuß gingen wir zeitig am Morgen los. An der Grenze stand ein englischer Soldat. Er fragte uns, wohin wir wollen. "Nach Berlin", sagte meine Mutter wahrheitsgemäß. "Das ist nicht gut", meine der Soldat in gebrochenem Deutsch, "da sind die Russen." Er hatte recht, die Westsektoren gab es noch nicht. Sie wurden erst bei der Potsdamer Konferenz beschlossen. "Wir sind aber in Berlin zu Hause. Mein Mann ist auch dort." Er ließ uns wie die meisten anderen ziehen. Russische Soldaten empfingen uns und den ganzen Treck. Sie brachten uns zu einem Bauerhof, den sie offensichtlich beschlagnahmt hatten. Nachdem sie uns Essen gegeben hatten, konnten wir uns auf Stroh einen Schlafplatz einrichten. Zu mir waren die Soldaten sehr freundlich, meiner Mutter war die Situation nicht ganz geheuer. Unter den Frauen ging die Furcht vor Vergewaltigungen um. Ich wusste damals noch nicht, was das ist.

Am nächsten Tag gingen wir wieder zu Fuß über die einzige intakte Elbbrücke in Magdeburg. Von dort fuhr tatsächlich ein Personenzug nach Potsdam. Der Zug endete aber schon in Wildpark, weil seit dem 17. Juli 1945 in Potsdam die Konferenz der Siegermächte stattfand. Dieses Datum lässt auch erkennen, wann wir von Braake wieder nach Berlin gekommen sind.

Die Regierungschefs der USA, Englands und Russlands beschlossen dort ihre Verantwortung für Deutschland, das nun in die jeweiligen Besatzungszonen aufgeteilt war. Der Rat ihrer Außenminister tagte künftig in Berlin, wo auch jede Besatzungsmacht einen Sektor erhielt. Obwohl nicht in Potsdam dabei, erhielten die Franzosen auch einen kleinen Anteil des verflossenen Deutschland, so auch in Berlin. Endgültige Regelungen waren einem Friedensvertrag vorbehalten. Mit unserem Weg über die Elbe gingen wir also in die sowjetisch besetzte Zone, wir sagten damals: Zu den Russen.

Unser Glück war in Wildpark noch nicht zu Ende. Ein LKW nahm uns auf seiner Ladefläche mit bis nach Berlin. Der Sommertag war nicht sehr warm, unser kleines Gepäck belastete uns wenig, aber es regnete nicht. Wir fühlten etwas Ähnliches wie Heimat, wie Zuhausesein. Allerdings mussten wir durch die Stadt laufen. Auch in breiten Straßen lag der Fahrdamm noch voller Trümmer. Selbst wenn es Autos oder Straßenbahnen gegeben hätte, wären sie nicht durchgekommen. Meine Mutter kannte die Stadt zwar, aber an einigen Stellen konnte sie sich doch nicht mehr orientieren. Straßenschilder gab es natürlich auch nicht mehr. An manchen Bahnhöfen fanden wir noch die Namen. Das half uns bei der Orientierung. Aber an Züge oder an die U-Bahn war nicht zu denken. Manchmal halfen uns auch Leute auf der Straße, den richtigen Weg zu finden.

Auf einige Straßen lagen in der Mitte Schienen, auf denen Loren von Frauen geschoben wurden. Andere Frauen holten aus den Trümmern noch verwendbare Steine, klopften den alten Mörtel ab und warfen den bearbeiteten Stein in solche Loren. Alle diese Trümmerfrauen hatten ihre Haare unter Kopftüchern verborgen und ihre ältesten Sachen an, die bei ihrer Arbeit in ein einheitliches Grau verwandelt wurden. Ein Denkmal für diese Trümmerfrauen steht jetzt vor dem Roten Rathaus.

Etwas Brot hatten wir noch, aber nichts zu trinken. An einem Straßenbrunnen versuchten wir Wasser zu bekommen, beim ersten und beim zweiten Versuch leider vergeblich. Als Mama am dritten Brunnen spürte, dass der lange Schwengel etwas Widerstand hat, konnte sie doch klares kaltes Nass fördern. Das war ein Labsal inmitten der Trümmerwüste. Niemand wunderte sich darüber, dass wir an dem Brunnen saßen und ein Stück Brot kauten. "Was machen Sie denn hier?" fragte eine Frau, die mit einem Eimer kam, um Wasser zu holen. "Wir sind auf dem Weg nach Pankow." "Gehen sie man, da sieht es nicht ganz so schlimm aus wie hier." Angesichts der Zerstörungen rings um uns, fragte Mama besorgt, ob wohl unser Haus noch steht, ob wir unsere Wohnung wiederfinden werden. Und was ist wohl mit Papa? Allein diese Gedanken ließen sie etwas schneller gehen. Meinen Beinen hat die kleine Rast gut getan. Während ich dies schreibe wundere ich mich sehr, wie wir damals den langen Weg durch die Stadt bewältigt haben. Vom Alexanderplatz sind wir die Prenzlauer Allee nach Norden gegangen. Hier standen die Wohnhäuser noch, immer mehr, je weiter wir kamen. Und von der Brücke am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf konnten wir unser Haus sehen, und Mama stieß als Freudenschrei aus: "Es steht noch!"

Über dem Fenster im Treppenflur war ein großes Einschussloch, aber selbst die Fensterscheiben unserer Wohnung waren ganz. Jetzt waren wir wirklich zu Hause, es waren nur noch zehn Minuten zu gehen.

Eine neue Zeit beginnt

Unsere Wohnung stand voller Möbel, die uns nicht gehörten. Der Vater war nicht zu Hause. Erst aber war nur Schlaf wichtig. Am nächsten Tag erfuhren wir eine Flut von Nachrichten, erfreuliche und auch schlechte. Papa kommt nur am Wochenende nach Pankow. Da es keine Verkehrsmittel gibt, schläft er bei seiner Arbeit in Wilmersdorf. Ein Weg dauerte zwei Stunden, und das war täglich neben der Arbeit nicht mehr zu bewältigen.

Die Pankower Oma war gesund und ihre Wohnung auch in Ordnung. Die Berliner Oma war in ihrem Garten, denn der war für die Ernährung ganz wichtig geworden. Auf unserem Hof hatten die Bewohner sogar die Rasenflächen umgegraben und Gemüse angepflanzt. Aber der Opa ist tot. Als in Berlin noch gekämpft worden war, hatte er, der Veteran aus dem ersten Weltkrieg, an einem Brunnen Wasser holen wollen. Dabei hat er einen Gewehrschuss abbekommen. Er wusste nicht, ob von Russen oder von Deutschen. Er konnte nicht ärztlich versorgt werden und ist eine Woche später an Wundfieber gestorben. Ein schwerer Gang war es für meine Mutter zur Grabstelle ihres Vaters.

Im Pankower Rathaus war eine Kartenstelle eingerichtet worden. Dort mussten wir uns anmelden. Wenn es nämlich in den Geschäften Essen zu kaufen gab, musste man Lebensmittelkarten haben. Ohne diese Karten gab es nichts. Außer auf dem schwarzen Markt. Dort musste man etwas zum Tauschen haben. Brot bekam man am ehesten gegen Goldwährung. Die Berliner Oma hatte noch einige 20-Mark-Münzen aus Gold, die auf dem schwarzen Markt gegen Essen eingetauscht wurden. Ein einziges dieser Goldstücke hat diese Zeit überstanden. Bis heute ist sie meine Erinnerung an die Großeltern Lemke.

Die Lebensmittelkarten gab es in drei Kategorien. Die normale Karte war für die Leute, die nicht arbeiten gehen. Für Arbeitende in Büros oder andere, die nicht körperlich arbeiteten, war die Arbeiterkarte da. Weil ich Schüler war, bekam ich die Schwerarbeiterkarte mit den größten Rationen. Also: Mama erhielt die normale, Papa die Arbeiterkarte. Das reichte so weit, dass wir nicht hungern mussten, aber auch nicht satt zu essen hatten.

Als schon wieder Fernzüge fuhren, begann das Hamstern. Das spielte sich so ab: Papa musste wenigstens eine Nacht nach Fahrkarten anstehen. Man nahm den Zug, der zuerst fuhr. Wohin, war egal, es musste nur aufs Land sein. Vorher hatte er Tauschobjekte für die Bauern besorgt. Als ich mit war, hatte er Glühbirnen für 110 Volt. Das war die Stromspannung in noch vielen ländlichen Gebieten. Wir hatten Glück an diesem Tag, schon beim dritten Bauern erhielten wir etwas Mehl und auch Kartoffeln. Für einige Glühbirnen mehr gab es noch ein Stück Butter dazu. Papa fluchte über die handelnden Bauern. "Bald legen sie ihre Ställe mit Teppichen aus, und die Berliner schlafen auf blanken Dielen!" brummelte er vor sich hin.

Wir trabten zurück zum Bahnhof, der Zug zurück sollte bald fahren. Nach kurzer Wartezeit war er auch schon zu sehen. Etwa einen Kilometer vor dem Bahnhof hielt er eine Weile, wir Wartenden wagten es aber nicht, dort hinzulaufen. Hätten wir es nur getan, dachte ich später, als der Zug am Bahnhof nicht mehr hielt. Der nächste Zug kam einen Tag später. Der brachte uns wirklich nach Berlin-Gesundbrunnen. Dort wartete die Polizei auf alle, die ausstiegen. Die deutschen Polizisten agierten unter der Aufsicht russischer Soldaten. "Die filzen uns," sagte Papa, "tu so, als hättest du kaum etwas in deinem Rucksack. Dann wollen sie vielleicht nicht reingucken."

Ich hatte Glück. Papa drängelte sich schnell hinter einem großen Mann vorbei an dem Kontrolleur, der gerade den Koffer des Vordermannes kontrollierte. So konnten wir unsere Beute glücklich nach Hause bringen. Erleichterung bei Mama, dass wir wohlbehalten wieder da waren. Sie hatte vorsorglich beim Bäcker etwas Sauerteig besorgt. Damit konnte Papa mit dem mitgebrachten Mehl Brot backen. Dieses Brot war für uns ein unvergleichlicher Hochgenuss, zumal es ja auch Butterstullen wurden. Sonst rösteten wir zum Abendessen Brotscheiben auf dem Gitter eines elektrischen Strahlers - wenn es denn Strom gab. Jetzt sagt man Toast dazu.

Über allen Unbilden dieser Zeit stand ein Mut machendes Motto: Nie wieder Krieg! Das war auch die Devise der neu entstandenen Parteien. Es entstanden solche, die die Nazis nach ihrer Machtergreifung verboten hatten. Vater glaubte, diese Devise unterstützen zu müssen und wurde Mitglied der SPD. Er gehörte allerdings zu denen, die die Vereinigung mit der KPD nicht mitmachten. Er arbeitete auch nach dem Krieg in Wilmersdorf, das in dem britischen Sektor lag. Pankow gehörte zum sowjetischen Teil, dem östlichen. Dort existierte trotz der Vereinigung zur SED noch eine Gruppe der SPD. Sie wurde im Laufe der Zeit in die Illegalität gedrängt, denn von der Besatzungsmacht wurde die vereinigte Partei, die SED, unterstützt. Im Laufe der Zeit sind im sowjetischen Sektor weitere Parteien entstanden: CDU (Christlich-demokratische Union), LDPD (Liberal-demokratische Partei Deutschlands), DBD (Demokratische Bauerpartei Deutschlands) und die NDPD (National-demokratische Partei Deutschlands). Die bestimmende Kraft war aber die SED.

Mich interessierte das alles wenig. Bewusst wurde mir die Lage in Berlin erst, als in den Westsektoren 1948 eine andere Währung eingeführt wurde als bei uns. Und Papa arbeitete in dem anderen Währungsgebiet, im Westen. Er war ein Grenzgänger, und dieses Wort wurde bald zu einem Schimpfwort im Osten. Er verdiente einen Teil seines Gehaltes im D-Mark und den größeren Teil bekam er in der im Osten neu eingeführten Mark. Ostberliner, die in den Westsektoren einkaufen wollte, musste nun Geld umtauschen, manchmal fünf Mark unserer Währung für eine D-Mark. Das brauchten wir nicht. Wenn ich ins Kino im Westen wollte, brauchte ich D-Mark, und im Theater wenigstens für die Garderobe. Vater war da großzügig. Theaterkarten waren in West-Berlin oft noch für Ostwährung zu bekommen. Wegen der Schwierigkeit mit den unterschiedlichen Währungen wechselte mein Vater von der Bewag in West-Berlin zur Bewag in Ost-Berlin. Dort aber wurde er nach einiger Zeit entlassen. War etwa seine Mitgliedschaft in der SPD die Ursache dafür? Zu erfahren war das nicht. Die Vermutung lag nahe.

Nach der Währungsumstellung ist auch der jüngere Bruder meines Vaters von Pankow nach West-Berlin gezogen. Ich verlor dadurch meinen Cousin als Spielkameraden, denn wir hatten nicht weit auseinander gewohnt. Manches hatten wir schon gemeinsam gemacht, was unsere Eltern als Dummheit bezeichnet hätten.

Als Papa nun keine D-Mark mehr verdiente, konnte er auch die Berliner Oma im Wedding nicht mehr unterstützen. Sie hatte, da sie nie berufstätig war, ein ganz geringes einkommen als Witwe. Das reichte weder für die Miete noch für die Pacht ihres Gartens in Wittenau. Das war im französischen Sektor. Zuerst zog sie zu ihrer Cousine in Pankow, die eine ähnliche Wohnung hatte wie sie. Dann wurde der Garten aufgegeben, was allerdings mit einer Schwierigkeit verbunden war. Die Laube musste in den Garten der Pankower Oma gebracht und dort aufgestellt werden. Sie wollte auch in Pankow den Sommer über im Garten leben. Wie das mein Vater bewerkstelligt hat, weiß ich nicht mehr.

Nachdem Papa von der Bewag Ost entlassen worden war, verhalf ihm sein jüngerer Bruder, der beim Vorstand der Bewag West arbeitete, dort wieder eingestellt zu werden. Nach einiger Zeit gelang das auch, sogar mit allen Rechten, die er als Mitarbeiter seit den 30-er Jahren erworben hatte. Das war für seine künftige Betriebsrente sehr wichtig.

Nicht nur Papas kurze Arbeitslosigkeit hatte unser häusliches Leben verändert. Meine Mutter ging schon vorher in ein Kaufhaus arbeiten. Der Krieg hatte Millionen Opfer gekostet, unzählige Männer waren noch in Kriegsgefangenschaft. Da wurde jede Hand gebraucht. Und Geld wurde auch immer benötigt. Der Krieg mit seinen ständigen Luftangriffen hatte die Bewohner unseres Hauses enger zusammengebracht. Gemeinsam erlittene Angst schweißte so zusammen, dass auch das Leben in ruhigeren Stunden miteinander geteilt wurde. Dieser Zusammenhalt hat das Kriegsende überdauert. Die Frauen trennten alte Pullover auf und strickten oder häkelten mit der Wolle etwas Neues. Die Frauen berieten und halfen sich gegenseitig. Selbst ich lernte stricken und probierte besondere Muster aus, die sie manchmal übernahmen.

Abends saßen wir öfter mit anderen Bewohnern zusammen, wenn Stromsperre war. Beim Nachbarn konnte man seine eigene Kerze sparen; wenn der keine mehr hatte, kam er zu uns. Ich saß dann öfter in Kerzennähe und las aus Büchern vor. Einige waren bei uns geblieben, als die Möbel, die wir bei unserer Ankunft vorfanden, abgeholt wurden. Sie gehörten dem ausgebombten jüngeren Bruder meines Vaters. Ein Buch hatte mich besonders gefesselt und meine Zuhörer nicht weniger. Das war der Roman von Sigrid Undset "Kristin Lavranstochter", der von der Geschichte Norwegens erzählte. Als Kind hatte ich einmal ein Bilderbuch geschenkt bekommen, das "Lappland ruft" hieß und das ich sehr liebte. Vielleicht habe ich den Ruf vernommen, und es ist eine unbewusste Sehnsucht nach Skandinavien entstanden. Erst fünfzig Jahre später werde ich dem Ruf folgen können. Aber meine enge Beziehung zu Büchern ist in dieser Zeit entstanden. Ich las alles, was ich bekommen konnte. Manches sogar abends unter der Bettdecke bei einer Taschenlampe.

Nichts lag näher als zu einer Nachbarin zu gehen, wenn ich aus der Schule kam, da Vater noch oder schon wieder und auch meine Mutter arbeitete. Die Nachbarin hatte eine Tochter und einen Kater, ihr Mann war schon gestorben. Ihre Tochter war in dem Schwärmealter der pubertierenden Mädchen und nannte mich idiotischerweise Zucker- krümel. Dort verbrachte ich manchen Nachmittag. Die Tochter ging noch auf die Straße spielen, ich hatte wohl die 10. Klasse schon hinter mir. Bevor sie losging, holte sie sich einen Kuss von ihrer Mutter ab und auch von mir. "Pass auf den Fahrdamm auf", rief ihr ihre Mutter noch hinterher. Und zu mir gewandt, meinte sie: "Komm mal her, ich werde dir zeigen, wie man richtig küsst." Sie führte mich ganz praktisch in den Zungenkuss ein. Das übten wir mit Freude. Wer sexuelle Erfahrungen hat, dem befeuert dabei die Fantasie seinen Körper. Für mich war das nur ein neues Spiel. Das lernte ich bei der schönen Nachbarin - - - und noch viel, viel mehr. In den Ferien war ich manchmal den ganzen Tag im Garten. Die Nachbarin half Unkraut ziehen. Wir hockten beide an einem Beet gegenüber. Ihr Rock rutschte dabei ziemlich hoch. Sie sah, das mich ihr Anblick erregte. Scheinbar zufällig berührte ich ihr Knie. Sie sah mich an. "Wollen wir in die Wohnung gehen?" fragte ich. Sie kam mit. Dort zog sie sich völlig aus. Ich hatte noch nie eine Frau so gesehen. Nacktheit gab es bei meinen Eltern nicht, höchsten in der Badewanne; und dann hinter verschlossener Tür.

In meiner noch fast kindlichen Vorstellung überlegte ich, ob ich sie nun heiraten muss, wenn ich mit der Schule fertig bin. Immerhin war sie fast doppelt so alt wie ich. Solche Ideen sind in der Atmosphäre meines Elternhauses entstanden. Nie haben sie mit mir über solche Dinge gesprochen. Später habe ich manchmal gedacht, sie haben die Nachbarin gebeten, mich auf diese Weise in die Welt der Erwachsenen einzuführen. Die Nachbarin meinte: "Du bist jetzt ein richtiger Mann." Davon war ich zwar nicht überzeugt, fühlte aber, dass ein sexuelles Verhältnis ein anderes ist als das zu den Eltern. Von nun an zog es mich öfter zur Nachbarin, und wir nutzten jede Gelegenheit. Zwei Ängste beeinträchtigten unser Zusammensein. Niemand sollte etwas davon erfahren, und sie durfte nicht schwanger werden. An die Pille war damals noch nicht zu denken.

Schulzeit

Im September 1945 hatte in Berlin die Schule wieder angefangen, und mein Leben lief wieder in geordneteren Bahnen. Auch wenn ich manchmal nicht zur Schule konnte, weil mein einziges Paar Schuhe beim Schuhmacher war. Kleidung zu kaufen war nur auf Kleiderkarte möglich, und dann musste man auch Glück haben, dass man etwas bekam. In den ersten Monaten lernte ich mehrere Schulbauten von innen kennen, bis in der Kissingenstraße das Haus der alten Eosanderschule frei wurde. Die Schule dieses Namens gab es schon seit 1900, und sie konnte auch in der neuen Zeit bestehen. Mein Vater war dort schon vier Jahre zur Schule gegangen. Imponierend war eine überlebensgroße Figur des Odysseus auf dem Flur im ersten Stock. Er hockte auf ein paar Brettern die auf den Wellen schwammen, und klammerte sich an einen Mast. Wir Schüler klammerten uns an die Schulspeisung, für die wir täglich unser Töpfchen mitbringen mussten. Immerhin fanden wir uns in der 6.Oberschulklasse wieder. Neben den bekannten Fächern hatten wir nun auch Russisch. Lehrer waren aber seltsam unsicher im Stoff, vor allem aber, wie sie mit uns umgehen sollten. Etwa 25 pubertierende Jungen sollten gebändigt werden. Alle hatten wir das Kriegsende erlebt. Am schlimmsten hatte es jene getroffen, die mit der Schule in der Kinderlandverschickung waren, im KLV-Lager, das von der Hitlerjugend geführt war. Die Leiter hatten sich bei Kriegsende aus dem Staub gemacht und die Jungen ihrem Schicksal überlassen. Die Jungen der Carl-Peters-Schule waren in Kärnten. Sie mussten sich alleine oder in kleinen Gruppen nach Berlin durchschlagen. Manchmal hatten sie Essen erbetteln können, manchmal mussten sie stehlen gehen. Mit solchen Erfahrungen ließen sie sich von keinem Lehrer etwas sagen, nur wenn sie ihn wirklich respektierten.

Am hilflosesten war der Russischlehrer. Er hat die Sprache wohl beherrscht, wusste aber überhaupt nicht, wie er uns etwas beibringen konnte. Wir lernten nichts. Wenn er unsere Leistungen kontrollieren wollte, boten wir eine Zigarette an und blieben ungeschoren. Weil wir damit handelten, hatten wir immer welche in der Tasche. Wenn die ganze Klasse keine Lust hatte, konnte er uns im Schulhaus nicht finden. Wir waren auf dem nahegelegenen Sportplatz. Unsere Einstellung zur russischen Sprache war mehr als unterentwickelt, und das nicht nur wegen der kyrillischen Schrift. Die slawische Sprache hat mit unserer keine Ähnlichkeit, was wir ganz intuitiv erfassten. Später habe ich bedauert, dass ich die Möglichkeit, diese Sprache zu erlernen, nicht wahrgenommen habe. Unser letzter Russischlehrer in der 12.Klasse war von unserem Nicht-Können völlig überzeugt; deswegen half er uns bei der Abiturprüfung, die wir auch schriftlich zu machen hatten. Das ging, denn damals mussten die Fachlehrer drei Prüfungstexte einreichen, von denen die Prüfungskommission einen für die Prüfungsarbeit auswählte.

In andern Fächern war die Situation nicht ganz so schlimm. Das Jahr 1948 brachte eine Veränderung, über die sich meine Eltern freuten. In ganz Berlin gab es ein neues Schulgesetz, das das Schulgeld für die kommunalen Oberschulen abschaffte. Meine Eltern sparten monatlich 20 Mark. Privatschulen wurden abgeschafft. Dieses Gesetz galt bis zum Ende der DDR. Sehr bald erweitert wurde es durch die Lehrmittelfreiheit, d.h. alle notwendigen Bücher bekamen wir von der Schule. Das war der Anfang von weitreichenden Veränderungen in unserem Leben.

In der neunten Klasse wurde Latein eingeführt. In der Parallelklasse wurde statt Latein der Mathematikunterricht verstärkt. Vielleicht einen Monat lang habe ich lateinische Vokabeln und Grammatik gepaukt und mich mit Übersetzungen abgequält, dann bin ich zu dem Mathematikern gegangen. In dieser Klasse blieb ich bis zum Abitur.

Wie kam es, dass ich mit Zigaretten handelte? Im Garten der Pankower Oma gab es Obstbäume und Sträucher für Johannisbeeren und Stachelbeeren. Von dem Obst machten wir Wein. Auf freien Flächen bauten wir Gemüse und Tabak an. Die Tabakblätter trockneten wir und brachten sie zur Zigarettenfabrik von Garbaty, die noch gearbeitet hat. Dort erhielten wir fabrikmäßig hergestellte Zigaretten; in unserer Sprache hießen die damals Aktive. Solche Zigarette konnten für eine Mark das Stück verkauft werden. 80 Pfennige musste ich zu Hause abgeben, den Gewinn verrauchte ich bald selber. Einige Zeit heimlich, bald wurde mein Rauchen aber auch von den Eltern geduldet.

Am 24. Mai 1949 wurde ein Grundgesetz für die drei westlichen Besatzungszonen in Kraft gesetzt, das war die Verfassung der Bundesrepublik. Am 7. Oktober 1949 wurde die DDR gegründet. Die Spaltung Deutschlands war endgültig vollzogen, und der kalte Krieg bestimmte das Verhältnis der beiden deutschen Staaten.

Auch in der Schule gab es zu dieser Zeit Veränderungen. Die Eosanderschule wurde mit der Anna-Magdalena-Bach-Schule, dem Pankower Lyzeum, zusammengelegt. Wir blieben dabei eine reine Jungenklasse, aber sonst herrschte in der neu gegründeten Carl-von-Osietzy-Schule Koedukation, das heißt, es sind gemischte Klassen entstanden.

Am Ende der 10.Klasse wollte ich abgehen und bei Siemens in West-Berlin eine Lehre als Maschinenbauer beginnen. Ich wurde aber nicht angenommen; Gründe habe ich nicht erfahren. Ich vermutete, weil ich im Osten wohnte. Ein Problem war das aber nicht für mich, dann ging ich eben weiter zur Schule und machte Abitur. Nur eine andere Hürde tat sich auf. Die Politik der SED wollte mehr Kinder aus Arbeiterkreisen zum Abitur führen und war folglich an Kindern aus bürgerlichen Kreisen in den Oberschulen weniger interessiert. Für uns wurde eine Prüfung nach der 10.Klasse abgehalten. Klassenarbeiten wurden geschrieben, wenn ich mich richtig erinnere in Deutsch und Mathematik, und dann mussten wir eine mündliche Prüfung bestehen. Die war nicht fachspezifisch. Die Fragen drehten sich eher um aktuelle Dinge. Ich wurde unter anderem danach gefragt, wer den Korea-Krieg angefangen hat. Ich wusste, dass der Osten immer behauptet hat, das waren die Amerikaner, und im Westen wurden immer die Kommunisten beschuldigt. Kurzes Nachdenken bei mir. Ich wollte weiter zur Schule gehen, also sagte ich: "Die Amerikaner". Ich hatte die Prüfung bestanden und eine Erfahrung gemacht: Die neuen Herren darf man nicht herausfordern.

Die letzten beiden Schuljahre waren prägend für mich. Wir hatten einen Deutschlehrer, der viel über mittelalterliche Literatur und der damit verbundenen Lebensweise vermittelte, und das auch noch so, dass unser Interesse dafür geweckt wurde. Meine Leistungen in dem Fach wurden jetzt gut, während ich in den Klassen vorher immer Probleme hatte, im Aufsatz wenigsten eine Drei zu bekommen. In diesem Unterricht wurden die Weichen für mein Studium der Germanistik gestellt.

Unser Englischlehrer war ein nervenkranker Mann, der sich absolute Disziplin verschaffte. Er war der Mann an der Schule, der von allen Schülern gefürchtet wurde. Ein ganzes Jahr mussten wir Shakespeares "Julius Cäsar" in der Originalsprache lesen. Dazu hatte er ein Vokabelheft drucken lassen. Am Ende der Stunde gab es die Hausaufgabe, eine bestimmte Szene so vorzubereiten, dass man sie vorlesen und übersetzen konnte. Die nächste Stunde begann dann zum Beispiel so: Lehrer: Zimmerman, are you prepared? Zimmermann: No, Sir. Lehrer: Setzen, 5. Lehmann, are you prepared? Lehmann: Yes, Sir. Lehrer: Read it. Der Lehmann war natürlich nicht vorbereitet, wie fast alle in der Klasse. Er las wenig stockend, damit hatte er sich schon vor der Fünf gerettet. Lehrer: Translate please! Dann begann das Problem. Ständige Unterbrechungen und Berichtigungen. Er war ja wirklich nicht vorbereitet. Unser Lehrer hatte auch English Words And Idioms zusammengestellt, die wir auswendig lernen sollten. Er hat sie abgefragt. Manche habe ich bis heute behalten, zum Beispiel: the church is easy to be seen from here (die Kirche ist von hier leicht zu sehen). Sprechen haben wir aber nicht gelernt. Wir alle waren Weltmeister im Abschreiben bei Klassenarbeiten. In Englisch durfte man nicht einmal hochgucken. Der Lehrer stand an der hinteren Wand und registrierte jede Bewegung, die nichts mit dem Schreiben zu tun hatte. Wenn er jemanden erwischt hat, nahm er die Arbeit weg, und der Arme erhielt eine Fünf.

Ich gehörte zu denen, die in Englisch immer der Fünf sehr nahe waren. Gefährlich war das insofern, als wir mit einer Fünf nicht mehr versetzt wurden. Wer nicht versetzt wurde, musste die Oberschule verlassen. Meine Mutter wurde zu unserem Englischlehrer bestellt, Dr.Bartz mit Namen. In der Schule hatte er einen Spitznamen, wie auch alle anderen Lehrer. Er hieß bei uns Batscher. Nur diesen Namen kannte meine Mutter, und so hat sie ihn auch angeredet, als er mit ihr sprechen wollte. Als sie das zu Hause erzählte, sah ich mich schon von der Schule fliegen. Aber Druck macht manches möglich. Ich erkämpfte in Englisch am Ende der 11.Klasse eine Vier und konnte auf der Schule bleiben.

Jeder Lehrer hatte seine Eigenheiten. Dr.Holz, wir nannten ihn Pepi und keiner wusste warum, hatte eine besondere Methode, die Zensuren in Geografie zu ermitteln. Er rief den Deliquenten an seinen Tisch nach vorne. Dort musste man in einer leeren Umrisskarte die geforderten Städte, Seen oder Länder zeigen.

In Mathematik kam "Butze" in die Klasse gehumpelt, er ging mit einer Beinprothese, rief fast noch an der Tür einen Namen "... an die Tafel", gab ihm eine Aufgabe und schaute interessiert zu, wie sich der Kerl dort abquälte. Dabei gab er Kommentare ab, zum Beispiel "wenn der Zähler null ist, ist der Nenner noch nuller". Von ihm ging die Mär durch alle Klassen, wenn er rasiert in die Schule kommt, hat er Geburtstag.

Unser Musiklehrer war früher ein Orchestermusiker gewesen. Wir lernten von ihm alle Spitznamen der Instrumente. Die Bratsche ist der Esel, die Querflöte der Pissknüppel und andere. Vor dem Abitur fragte er uns, was für eine Zensur wir haben wollen. Das war für manchen wichtig, weil von der Anzahl der Einsen und Zweien das Prädikat abhing. Ich sagte, mit einer Drei sei ich zufrieden, denn ich hatte genau ausgerechnet, das die Zweien für das Prädikat Gut reichen. Mit der Drei in Musik waren meine Leistungen schon sehr überbewertet. Zu Hause habe ich keine Impulse zum Singen bekommen. Musik spielte bei uns keine Rolle. Wenn Kinder nicht in frühem Alter Kontakt zur Musik bekommen, in welcher Form auch immer, ist das später nur sehr schwer nachzuholen.

In Gegenwartskunde bei der Dresslern, bei der Punne, hatte ich ein Problem. Sie schien eine Hundertfünfzigprozentige zu sein, und ich stellte immer Fragen, die ihr nicht ins Konzept passten. Sie rächte sich im Abitur dafür. Ich musste mit Vorzensur Zwei in die mündliche Prüfung, bekam da eine Drei und Gesamt auch eine Drei. Für das Prädikat hatte ich aber fest mit dieser Zwei gerechnet. Auf den Zeugnis stand unter anderem: Um seine ideologische Weiterentwicklung bemühte er sich. Das war die Charakteristik für den, der nicht auf der gewünschten Linie lag. An der Universität musste ich eine zusätzliche Prüfung bestehen, weil ich das Abitur nicht mir Gut bestanden hatte. Erst später hatte ich erfahren, dass diese Dame in Reinickendorf, im französischen Sektor, wohnte. Nach unserer Prüfung verschwand sie auch von der Schule. Ich hatte sogar den Plan, ihr als Dank noch die Fenster einzuwerfen. Ich musste damals wirklich Großmut aufbringen, damit ihre Fenster ganz blieben.

Unsere Klasse war in der Schule etwas verschrien. Nicht weil wir ohne die ausgleichenden Mädchen waren, sondern weil wir nur einen FDJ-ler hatten, und der ging auch nach der 11.Klasse ab. Das wir bei Klassenarbeiten abschrieben und oft ohne Hausarbeiten waren - immer wenn wir es nicht schafften, sie vor der ersten Stunde noch von einem anderen abzuschreiben - daran hatten sich unsere Lehrer gewöhnt. Als wir aber am ersten Tag nach den Ferien in die 12.Klasse kamen, waren unsere Lehrer mehr als überrascht. Sie hatten neunzehn FDJ-ler vor sich. Ihre offizielle Reaktion war Freude, und keiner stellte Fragen.

Wie kam das zustande? Es war das Jahr der ersten Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin. Auf dem alten Exerzierplatz an der Schönhauser Allee wurde das Cantianstadion gebaut. Dort wurden händeringend Arbeitskräfte gebraucht. Mehr als die halbe Klasse ging hin. Vor allem sollten wir mit Schaufeln Erde bewegen. Stundenlohn sollte 99 Pfennige sein. Das ließ uns nachdenken. Wir gingen ja in erster Linie arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich war scharf auf einen Fotoapparat. Wenigstens die halben Ferien sollten Urlaub sein. Da machten uns die Verantwortlichen einen Vorschlag. "Macht eine FDJ-Brigade auf, dann zahlen wir 1,10." "Wir sind aber nicht in der FDJ." "Nicht wenigstens einer?" "Nicht einer." "Das lässt sich ändern. Tretet hier ein." So kam es, dass in meinem FDJ-Ausweis steht, eingetreten bei VEB Gartenbau. Die FDJ-Brigade war perfekt. Wir hatten zwar Arbeit, die wir nicht gewohnt waren, aber der Verdienst stimmte. Doch davon gingen die Blasen an den Händen auch nicht weg. Günstig war für uns, nachts zu arbeiten. Dann wurden Güterwagen entladen, meist war das Schotter. Bezahlt wurden wir nach der Anzahl der Güterwagen, die wir entladen hatten. Als Beleg brauchten wir nur die Ladezettel der Wagen. Manchmal hatten wir den Ladezettel schon abgenommen, bevor der Waggon leer war. Das war dann Pech für die Tagschicht, die nach uns kam. Für meinen ersten Fotoapparat hat der Verdienst gereicht. Fotografiert habe ich mit Schwarz-Weiß-Film, die Entfernung musste eingestellt werden, und Belichtungsmesser gab es auch noch nicht. Dennoch hatte ich viele andere Möglichkeiten als die Eltern mit ihrer Box.

Als wir in der 12.Klasse waren, haben wir am 1.April die ganze Schule in den April geschickt. Ein Zufall kam uns zu Hilfe. Es war üblich, dass der Direktor Mitteilungen an die Lehrer während des Unterrichts per Umlauf machte. Die halbe Klasse hatte den Zeichenunterricht geschwänzt und saß ohne Lehrer im Klassenraum, als ein Schüler den Umlauf hereinbrachte. Die Blitzidee kam, die Schule in der großen Pause in die Aula zu schicken. Der Grund war schnell gefunden. Durch die Medien gingen Berichte über die Inhaftierung des griechischen Kommunisten Belojannis. Dem Mädel, das den Zettel brachte, sagten wir, dass wir den Umlauf selbst weiterbrächten. "Schreibt auf den Zettel: Solidaritätskundgebung für Belojannis in der großen Pause in der Aula. Alle Klasse begeben sich nach oben", sagte einer. Unser Sportler mit seinen eingegipsten Handgelenken, der sich gerade beim Training die Handgelenke gebrochen hatte, machte den Zusatz auf dem Umlauf. Ich brachte ihn weiter. Weil auf dem Umlauf durch Abzeichnen vom Lehrer erkennbar war, wo er hingebracht werden musste, war das kein Problem. Auf dem Flur traf ich einen kleineren Schüler, den ließ ich den Umlauf weiter befördern.

Nahezu alle Klassen waren in der Aula. Der Direktor sah auch oben noch sehr verdutzt aus und machte aus seiner Not eine Tugend. Wir waren uns nicht bewusst, dass wir ihm politische Schwierigkeiten bereitet haben, auf solche Veranstaltung hätte nämlich er kommen müssen. Anschließend wurde gesucht, wer den Umlauf gefälscht und weitergebracht hat. Ich blieb vorsichtshalber am nächsten Tag zu Hause. Der Schreiber wurde nie gefunden, weil mit eingegipsten Handgelenken gar nicht normal geschrieben werden konnte. Erst in der Abi-Zeitung haben wir das Rätsel gelöst.

In meiner Klasse gab es natürlich Gruppen, die enger zusammen waren. Näher als andere waren sich die, die morgens die Mathe-Aufgaben abschreiben ließen. Engere Beziehungen hatten auch die, die immer mit demselben Zug kamen. Ich war mit Martin und Bernd befreundet, obwohl wir unterschiedlicher nicht sein konnten. Bernd kam aus Karow und Martin aus Blankenburg. Bernd war groß und lockenköpfig mit einer tiefen Bassstimme. Martin war klein und ein flinker Denker. Ich war so in der Mitte, kaum sportlich und vielleicht der faulste von uns Dreien. In der Abi-Zeitung, die wir in den letzten Wochen anfertigten, den größten Teil natürlich im Unterricht, heißt es über uns: Jeder Spatz vom Dache schreit: Gepriesen die Dreieinigkeit wie wirs an Wolfgang, Bernd und Martin seh'n... Wir waren auch außerhalb der Schule zusammen. Bei Martin machten wir chemische Versuche, die darin gipfelten, dass wir Alkohol herstellten. Abends fuhren wir mit Fahrrädern zum 25 km entfernten Gorinsee. Wir badeten dort auch. Wenn Bernd eine Flasche Wein mitbrachte, wurde sie bei Sonnenuntergang geleert. Diese Freundschaft hielt über die Schule hinaus unser Leben lang. Und das nicht nur, weil sich unsere Klasse nach dem Abitur in regelmäßigen Abständen traf und noch trifft.

Nachdem wir unsere Zeugnisse hatten, trafen sich Martin und Bernd bei mir zu Hause. Wir machten auf dem Hof ein verspätetes Sonnenwendfeuer mit unseren Schulbüchern, tranken Bier dazu und tanzten um dieses Feuer. Unvergessen ist, wie Bernd wie ein Schimpanse um dieses Feuer sprang und unartikulierte Laute von sich gab, die sich anhörten wie uch, uch, uch. Und dabei klopfte er sich mit beiden Fäusten auf die Brust. Wir Drei machten in den Ferien noch eine Abschlussfahrt mit unseren Fahrrädern und einem Zelt nach Hiddensee. An einem Tag war das nicht zu schaffen. Abends fragten wir bei Bauern, ob wir in seiner Scheune schlafen dürfen. Ich glaube, bei dem dritten Gefragten hatten wir Glück. Müde genug waren wir zum Schlafen. Die einzige Bedingung des Bauern war, dass wir in der Scheune nicht rauchen. Ich wurde in der Nacht einmal wach und sah zwei grüne Lichtpunkte neben mir. Ein bisschen gespenstisch war das schon. Ich wusste nicht genau, ob ich träume oder wach bin. Unheimlich war das. Als sich die Lichtpunkte bewegten, merkte ich, dass das eine Katze war. Als wir uns am Morgen bei dem Bauern bedanken und bezahlen wollten, nahm er uns kein Geld ab. Er gab uns sogar noch ein Stück Brot und etwas Speck für die Weiterreise.

Von Stralsund fuhren wir mit dem Schiff zur Insel. Wir wussten, dass dort keine Autos fahren und dass es keine Hotels und nur wenige Restaurants gibt. Man wohnte damals jedenfalls privat. Zeltplätze gab es auch nicht. Was tun? Sollten wir etwa von Haus zu Haus fragen gehen, ob wir unser Zelt dort aufstellen dürfen? Bernd schlug vor: "Am besten weiß immer der Pastor über alles Bescheid. Bei ihm sollten wir mit Fragen anfangen." Bernd war ein gläubiger Christ und hatte enge Beziehungen zur Kirche. Und dieser sein Rat war gut. Wir durften unser Zelt im Garten des Pfarrers von Kloster aufstellen.

Gegessen haben wir dort in einem Restaurant. Natürlich Fisch. Was liegt schließlich an der Ostsee näher als das? Einen Tag später hatten wir leider alle Durchfall. Sollte das etwa an dem Fisch gelegen haben? Wir versuchten, ihn mit Nicht-Essen zu bekämpfen. Leider aber mit dem Erfolg, dass wir körperlich schwächer wurden, aber der Durchfall blieb. Wir brachen unsere Fahrt ab, packten alles zusammen und fuhren mit dem nächsten Schiff zurück nach Stralsund. Mit dem Fahrrad kamen wir bis Greifswald. Lag es an dem Gegenwind oder an unserer Schwäche, wir konnten mit dem Rad nicht weiter und fuhren mit dem Zug nach Berlin zurück. Mit dieser kleinen Niederlage endete die Schulzeit, die trotz aller zeitbedingten Schwierigkeiten eine schöne Zeit war.

 

 

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