Mein
Umzug |
Seit Januar lebe ich alleine, auch nur noch mit der halben Wirtschaft. Im September ziehe ich um. Weil auch noch zu zweit ein Umzug am persönlichen Horizont aufgezogen war, war die gesamte Belletristik zweier Deutschlehrer schon vorsorglich weggeben worden, nicht in den Papiercontainer geworfen, sondern an einen Antiquar und an einen Berliner Verein, der garantiert hat, dass die Bücher nicht vernichtet werden. Ich bin zwar schon diverse Male umgezogen, aber noch nicht in der Neuzeit, d.h. als Bundesbürger. Eine ehemalige Kollegin gab mir den Startschuss: "Obi wirbt mit einem Sonderangebot mit Umzugskartons." Ich am nächsten Tag hin. Tatsächlich gab es kleinere Kartons für 1 Euro pro Stück. Als vorsichtiger Mensch habe ich sie erst einmal ausgemessen und am Auto überprüft, ob sie hineinpassen. Beim Messen fragte mich der Nebenmann auf dem Parkplatz, ob ich den Schrank auch wirklich ins Auto bekomme. Was den das angeht! Als die ersten 10 Kartons nicht reichten und ich nachkaufen musste, merkte ich erst, das 1 Euro pro Stück ein guter Preis war. Die Kartons konnte ich am Baumarkt mit einem Wagen zum Auto fahren, aber wie schaffe ich sie vom Auto in die Wohnung im dritten Stock? In meinen Kugelschreiber gewöhnten Händen konnte ich höchstens drei Kartons tragen. Das hieße viermal gehen vom Parkplatz hinter dem Nebenhaus über die Straße in mein Wohnhaus. Nach dem ersten Weg hatte ich die Blitzidee, das Auto vor unsere Haustür zu fahren. Da mein Gehirn einmal in Bewegung war, meinte es, ich solle doch die Kartons auf dem Kopf tragen, dann könnte ich mehr nehmen. Glaubst du deinem Gehirn? Ich war skeptisch. Beim ersten Versuch mit 5 Kartons rutschten sie mir im zweiten Stock zur Seite weg. Gut, ich musste die letzten 20 Stufen zweimal gehen. Mit den letzten Kartons war ich dreimal die 67 Stufen rauf und runter. Dieses Vorspiel war entmutigend. Der Umzug bedeutete, diese drei Treppen runter und im Nebenaufgang eine Etage wieder hoch. Aber dafür eine Firma beauftragen, das ist doch auch übertrieben. Ratlosigkeit. Da standen nun die Kartons in einen fast leeren Zimmer; das vier Meter lange Regal im wesentlichen entbüchert. Meine Klage erfuhren zwei ehemalige Kolleginnen. Sie boten mir ihre Einpackhilfe an. Zeitungen hatte ich schon gesammelt. Sie verpackten den Rest Bücher, eine Unmenge Bilder nahmen sie von den Wänden, die vierteilige Schrankwand räumten sie leer, und 15 Kartons waren voll, und ich voller Dankbarkeit. Die Küche überließen sie mir, es war ja noch eine Woche Zeit bis zum Umzug. In dieser Woche machte ich mein Praktikum als Manager. Für den ersten Sonnabend im September beauftragte ich einen Enkel; er sollt sich den Tag frei halten und noch einen Kumpel mitbringen. Stundenlohn ist zugesichert. Mein Sohn soll seine Schicht so legen, dass er an diesem Tag frei hat und nach Möglichkeit eine Transportkarre besorgen, die auch Treppen überwindet. Eine Freundin aus lange vergangenen Tagen sagte Hilfe zu und brachte ihren derzeitigen Partner mit. Alle hatten vorher abgeraten, eine Umzugsfirma zu beauftragen. Erster Sonnabend im September 8 Uhr. Wetter sonnig, nicht sehr warm. Keiner da. Halb neuen: Keiner da. Ich überlege, warum sich meine Helfer wie Handwerker benehmen, obwohl sie doch gar keine sind. Dreiviertel neuen - die ersten. Ich werde etwas ruhiger. Um 16 Uhr war die Räumerei beendet. Die Vorräte an Wasser und Bier waren erschöpft. Mit allen Helfern bin ich zum Essen in die Eckkneipe gegangen und habe mich bei ihnen auf diese Weise bedankt. In die nicht mehr leere, aber auch noch nicht richtig bewohnbare Wohnung kam ich mit einer gewissen Zufriedenheit. Zufrieden darüber, dass es Hilfe gibt, wenn man ihrer bedarf.
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| Einräumen, das heißt alle Kartons ausräumen, begann bei mir in der Küche. Das Bild zeigt sie fertig. Ich vermute, dass vor mir hier Riesen gewohnt haben. Der untere Rand der Hängeschränke ist 1,70 m, hoch, das obere Bord dazwischen ist 1,90 m hoch. Ich war in jüngeren Jahren 1, 70 m groß. Wo stelle ich nun die Teller hin, die ich täglich benutze? Aber sonst ist die Küche ein angenehmer Arbeitsraum. Ohne warmes Mittagessen mag ich nicht sein. |
Die Deckenhöhe beträgt 3,35 m. Als ich im Wohnzimmer Gardinen haben wollte, brauchte ich Hilfe, die ruhig auf einer ausziehbaren Leiter stehen konnte. Nach dem Einzug waren die Gardinen gewaschen. Was passiert nun, wenn sie wieder gewaschen werden müssen? Ich kann sie nicht einmal abnehmen, denn auf eine Leiter wage ich nicht zu klettern. Meine vierteilige Schrankwand im Wohnzimmer hat sechs große und drei kleine Schübe und sechs zuklappbare Fächer. Als die alle vollgeräumt waren, waren auch die Umzugskartons leer. Jetzt begann das Suchen. Waren die Handtücher rechts und das Kaffee-Geschirr links - oder umgekehrt? In welchem Schub liegen die Verlängerungs- schnüre? Liegen die Besuchsbestecks oben oder unten? In den ersten Monaten in der neuen Wohnung wurde das Suchen zu meinem Lieblingssport. |
Ein Gutes gab es beim Suchen. Ich konnte niemand dafür verantwortlich machen, wenn ich das Gesuchte nicht fand; ich hatte es ja selber weggelegt. Und mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, dass ich allein lebe und dass ich mit dem Fernseher nicht reden kann. Wie gut, dass das Telefon beim Einzug schon funktioniert hat. |