Weihnachtsbaum |
Das zu erzählen erübrigte sich, wenn es nicht etwas Besonderes gegeben hätte. Denn als Baum ist er eigentlich nicht der Rede wert. Während vor Jahren noch an jeder freien Straßenecke Händler standen und Bäume verkauften, war das in diesem Jahr in Pankow nicht so. Vielleicht lag das daran, das der Kern von Pankow zur Baustelle geworden war, und das schon für eine hohe Anzahl von Monaten. Als ich auf dem Nachbarbalkon aber einen Baum sah, musste ich annehmen, dass der Verkauf begonnen hatte. Als zu meinem Geburtstag mehrere Gäste da waren, fragte ich nach, und mit Erfolg. Am nächsten Tag fuhr ich zum Baumarkt in Niederschönhausen. Als ich auf dem Parkplatz vier aufgestellte Bäume sah, fühlte ich mich zunächst am richtigen Ort. Dort fand ich auch den Hinweis auf die Gartenanlage. Nach vielleicht hundert Metern fand ich sie, fand viele Bäume in vielen Größen, aber nicht einen Menschen. Das Gerät, mit dem die verkauften Bäume in ein Netz gezwängt werden, stand ohne Bedienung da. Ob das auch Selbstbedienung ist? - Ich beschloss kurzerhand eben diesen Baum in die Hand zu nehmen und ihn die knappe 100 Meter zur Kasse zu tragen. Dort war ich wirklich an der richtigen Stelle, und für 18 Euro durfte ich ihn mitnehmen. Bevor ich bezahlte, hatte ich kurz überlegt, ob ich den Baum wieder zurückbringe und ein anderes Bäumchen hole. Aber nein, der Weg zum Auto auf dem Parkplatz war kürzer. Als ich ihn dort im Auto verstauen wollte, kam ein Angestellter des Baumarktes vorbei und fragte, warum ich ihn nicht in ein Netz habe verpacken lassen. Zu Hause stellte ich ihn auf den Balkon, und als ein Bekannter vorbei kam, ließ ich mir den Baumständer von dem hohen Regal im Bad heruntergeben, damit ich nicht auf eine Leiter steigen muss. Allein dieser Baumständer und zwölf elektrische Baumkerzen waren bei der Wirtschaftstrennung für mich geblieben. Kugeln und eine Spitze in gleicher Farbe hatte ich schon bei einem Einkauf bei Penny mitgebracht. Lametta war noch vom Adventsstrauß vorrätig. Bevor ich dann das Bäumchen im Wohnzimmer aufgestellt hatte, wollte ich die Kerzen überprüfen, ob sie alle den Umzug heil überstanden haben. Sie entstammten noch aus dem vor über 20 Jahren untergegangenen deutsch Staat, dessen Erzeugnisse heutzutage oft mit Naserümpfen betrachtet werden. Ich suchte in meiner neuen Wohnung eine Steckdose, in die dieser Stecker passt. Der Stecker war insofern ein besonderer, weil das Ende des Kabels, also der zweite Pol, aus dem Stecker herauszuziehen war. In meiner ganzen Wohnung fand ich nur Schuko-Dosen, in die der Stecker nicht passte. Ich durchsuchte alle meine Verlängerungsschnüre. Da ich sechs Stück habe, habe ich eine lange Weile geguckt: Schuko-Dose - wieder aufgewickelt. Weiter: Schukodose - wieder aufgewickelt. Das sechsmal. Ich versuchte die Stellen vom Lichterstecker abzuschneiden, die zu groß waren, um in die Schuko-Dose zu passen. Keins meiner Messer taugte dazu. Aus meiner unterentwickelten Werkzeugkiste suchte ich ein Stechbeitel. Mit dem konnte ich dem alten Stecker zwar so zuleibe rücken, dass dies, was an den Erdkontakten zu viel war, passte, aber nun stand an den Schuko-Dosen eine Führung in der Höhe der Kontakte in das Rund hinein. Das konnte ich nicht entfernen, ohne die ganze Dose zu zerstören. Ergebnis: Diese Kerzen passen nicht in diese Wohnung. Was tun? An die elektrischen Kerzen einen Schuko-Stecker schrauben. Dann müsste ich den Kabelkreis über den Baum stülpen, um die Kerzen an den Zweigen zu befestigen. Das geht auch nicht. Also zog ich los, um eine Lichterkette zu besorgen, während zu Hause mein Bäumchen weiter darauf wartete, geputzt zu werden. Jetzt blinken 50 winzige Leuchten. Mein Bäumchen gefällt mir zwar, aber Kerzen hat es nicht. Moderner wirkt der Baum auf mich, aber ich fühle mich noch nicht so modern. Ich stehe nun vor der Frage, ob ich meine Vorstellung von Weihnachtsbaum ändern oder im kommenden Jahr eine andere technische Lösung finden muss. Aber vielleicht ändert ja die Gesellschaft ihre Vorstellung von Weihnachtsbaum. Ein Anfang ist gemacht. Auf dem Berliner Breitscheidplatz schmückt ein Weihnachtsbaum aus Schrott den Weihnachtsmarkt. |
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